Kondolenz löschen

Sind Sie sicher, dass Sie diese Kondolenz löschen möchten?

Prof. Dr. Jürgen Kreftgestorben am 12. April 2020

Beitrag

Ich habe Mitte der 70er Jahre mit großem Gewinn und insofern Vergnügen bei Jürgen Kreft an der Universität Hamburg studiert. Es war die Entstehungszeit seines Standardwerks "Grundprobleme der Literaturdidaktik". Wir Studierende waren indirekt eingebunden in diese spannende sehr umfassende wie grundlegende und ungemein anregende Arbeitsphase. Wenig später fand seine Didaktik große Beachtung im Studienseminar. Seine Ansatzbegründung und seine daraus abgeleitete Methodik haben mich nachhaltig inspiriert und - Thomas Zabkas Nachruf bringt es wunderbar auf den Punkt - durch entsprechende Unterrichtseinheiten in meinem langen Berufsleben einer großen Schar von Schülerinnnen und Schülern zu fundiertem und oft im hohen Maße reflektierten Umgang mit Literatur verholfen.
Wer sich wie Jürgen Kreft mit der Bildungsmächtigkeit von Literatur befasst und damit, welches Potential für eine an universalmoralischen Kategorien orientierte und insofern authentische Ich-Entwicklung ihr entspringen kann, kommt an der Frage nach der sogenannten Trivialliteratur nicht herum. Sein in der Konsequenz solchen Wollens vorgelegtes Kriterium ist so einleuchtend wie klar und einfach. Anders als alle anderen mir bekannten Abhandlungen zu dem Thema verharrt er nicht bei Form,- Stil- oder vielleicht Genrefragen. Sein Interesse gilt der Frage: Ist eine Literatur geeignet, eine im oben genannten Sinne authentische Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, oder bedient sie bloß evasorische Bedürfnisse? Als junger Mann hat mich diese Überlegung begeistert, und ich zehre noch heute als Großvater davon! Lässt sie doch solches Verlangen durchaus zu, geringschätzt nicht die Motive, zu solcher Literatur zu greifen. Das Vergnügen daran dürfte jedoch in dem Maße schwinden wie die Persönlichkeit gebildet ist, zunehmend gereift an universalmoralischen Ansprüchen und gestärkt davon. Immer urteilssicherer wohl in der Unterscheidung zwischen trivialen und authentischen Bedürfnissen, die Menschen haben können. Hoffentlich. Und obendrein versöhnt mit den Strapazen hermeneutischen Herangehens.
Und wenn auch die depravierenden Kräfte in unserer Welt an Wucht zunehmen und die Lust an Trivialem Überhand nehmen mag, sie vielleicht die einzige Milde für schwache Kräfte zu sein vorgibt, wenn ich auch weiß, wie es Voraussetzungen braucht für ein solches Streben nach Authentizität, was über eine Dreizimmerwohnung und die von Martin Luther King beschworenen drei warmen Mahlzeiten pro Tag wohl hinausgehen mag - ich habe der Zeit mit Jürgen Kreft und den „Grundprobleme(n) der Literaturdidaktik“ außerordentlich viel zu verdanken. Das Denken Jürgen Krefts und derer, die ihm zu sich verholfen haben, hat mich mein Leben lang begleitet. Seine Überlegungen reichen weit über jeglichen Deutschunterricht hinaus - weit jenseits von Schule und Universität, weit jenseits von jeglichem Instrumentellen. Schlicht in das Leben hinein.
Dafür bin ich - ihm - dankbar.
Ulrich Becker
Freitag, 19. 02. 2021